VEREIN GEDENKSTÄTTE KZ ENGERHAFE E.V.
 
 

 
  
     Engerhafe und Totenzettel  -  Aquarell und Collage  -  Herbert Müller

Ausstellung

Engerhafe als Brennglas des Nationalsozialismus

27. März 2011
 im alten Pfarrhaus


Artikel und Bilder mit freundlicher Genehmigung von:
Heiko Poppen, Ostfriesische Nachrichten GmbH

Engerhafe. Noch etwas im Verborgenen, aber mit beachtlichen Zwischenergebnissen arbeitet der Verein "Gedenkstätte KZ Engerhafe" seit seiner Gründung am 29. Oktober 2009.

Die Initiatoren, allen voran der Vorsitzende Carl Osterwald (Münkeboe) und der künstlerische Leiter Herbert Müller (Fehnhusen), möchten das alte Pfarrhaus in Engerhafe künftig als Gedenkstätte nutzen. Bei Pastor Dr. Detlef Dieckmann-von Bünau, der selbst Mitglied des Vereins ist, rennen sie offene Türen ein. Der Geistliche will aber nichts überstürzen. Er möchte seine Gemeinde mitnehmen, sie für das Projekt begeistern. Dr. Dieckmann-von Bünau wird die Bürger zu einer Versammlung einladen, sie informieren – bevor der Kirchenvorstand die neue Bestimmung des Pfarrhauses als Gedenkstätte formell beschließt.

Zweifel, dass es so kommt, bestehen nicht. Osterwald, Müller und ihre Mitstreiter haben sich längst darauf eingestellt, die Räume künftig nutzen zu können. Seit knapp fünf Monaten sind dort die ersten Arbeitsergebnisse des Vereins ausgestellt. Schon zu diesem frühen Zeitpunkt ist erkennbar: Es wird gelingen, dort eine "lebendige Gedenkstätte" einzurichten, das Leid der Opfer des Konzentrationslagers in Engerhafe "emotional erfahrbar" zu machen.

Hier sind 1944 zwischen Oktober und Dezember 188 Menschen auf grausame Weise ums Leben gekommen. Der Verein hat es sich unter anderem zum Ziel gesetzt, die Toten aus der Anonymität zu holen und konkret zu zeigen, wer sein Leben in diesem Lager lassen musste. Dazu wurden und werden Gespräche mit Zeitzeugen sowie Verwandten der damaligen Häftlinge geführt, um mehr über die Opfer und ihr Leben zu erfahren. "Was der Nationalsozialismus gewesen ist, kann man hier in Engerhafe wie in einem Brennglas sehen", glaubt Carl Osterwald.

Als Zwischenergebnis kann seit knapp fünf Monaten eine vorübergehende Ausstellung im oberen Stockwerk des alten Pfarrhauses besichtigt werden. Hierzu gehören unter anderem historische Dokumente. Aufgetaucht sind die Original-Totenzettel, die vom Lagerleiter Erwin Seifert unterzeichnet worden sind, und das Grabungsbuch der alliierten Kommission aus dem Jahr 1952. Außerdem können Besucher Bilder von Herbert Müller auf sich wirken lassen. Der Künstler beschäftigt sich seit 1989 in seinen Werken mit dem KZ in Engerhafe, hat zu diesem Thema weit über 100 Bilder gemalt. Vervollständigt wird die Ausstellung durch Informationen zur historischen Situation und durch Dokumentationen über die Opfer, aber auch über die Täter.

Das öffentliche Interesse an der Arbeit des Vereins wachse kontinuierlich, berichtet Müller: "Man wird aufmerksam auf uns." Die Einwohner Engerhafes zeigten Interesse, Ältere erzählten von den damaligen Geschehnissen, sagt Müller. "Es gibt aber auch das Interesse von außerhalb", freut sich der künstlerische Leiter: "Sehr wichtig war eine Führung für eine Gruppe aus dem niederländischen Ort Putten." Besucher aus den USA, Polen und Südafrika hätten sich die Ausstellung ebenfalls angeschaut.

"Für uns ist dieses im Grunde genommen ein erster Versuch, mit Formen einer Gedenkstätte für das KZ zu experimentieren", sagt Müller weiter. In etwa zwei Jahren, so der Zeitplan, möchte der Verein sein endgültiges Konzept im Pfarrhaus umgesetzt haben. Zunächst muss die vorübergehende Ausstellung aber abgebaut werden. Grund ist die erforderliche Sanierung des historischen Pfarrhauses. Bevor diese beginnt, finden dort Ausgrabungen statt. Die Ostfriesische Landschaft will Spuren sichern, ehe die Bauarbeiten beginnen. "Außerdem sollen so wertvolle Hinweise auf die Baugeschichte des Hauses gewonnen werden", sagt Pastor Dr. Detlef Dieckmann-von Bünau. In einem zweiten Schritt stehe eine Bauvoruntersuchung an, um das Alter sowie die ursprüngliche Gestalt des Hauses zu bestimmen und den Erhaltungszustand zu dokumentieren. "Danach erst können die Sanierungskosten abgeschätzt und ein Anbau geplant werden", so der Pastor. Die Ursprünge des Engerhafer Pfarrhauses gehen bis ins Jahr 1350 zurück. Damit dürfte es das älteste Steinhaus zwischen der Weser und Groningen sein, wie es Christian Meyer aus Wittmund als Kenner alter ostfriesischer Steinhäuser einmal bei einem öffentlichen Vortrag gesagt hat.

Herbert Müller ist bereits voller Vorfreude darauf, das denkmalgeschützte Gebäude eines Tages ganz für seinen Verein nutzen zu können. Bei der Gründungsver-sammlung am 29. Oktober 2009 hatte er es euphorisch "das schönste und kostbarste Haus in Südbrookmerland" genannt, welches den Opfern gewidmet werden solle. Müller hat sich schon Gedanken gemacht, wie der gotische Gewölbekeller des Gebäudes eingebunden werden kann. Der Künstler bringt die Idee ins Spiel, daraus einen Raum der Stille zu machen. Die Lage des Pfarrhauses sei für die Gedenkstätte optimal, schwärmt er und verweist auf das Ensemble mit der beeindruckenden Kirche, dem Mahnmal und dem Gulfhof Ihnen in unmittelbarer Nachbarschaft.

Interessierte können sich die vorübergehende Ausstellung im Pfarrhaus noch anschauen, bis sie demnächst wegen der Sanierung des Gebäudes abgebaut wird. Hierfür ist lediglich eine vorherige Anmeldung bei Carl Osterwald unter der Rufnummer (0 49 42) 32 37 oder bei Vereinsmitglied Margritt Kubik-Harms, (0 49 42) 40 82, erforderlich. Eine besondere Gelegenheit bietet sich außerdem am 27. März, wenn das Pfarrhaus nach dem Gottesdienst zu diesem Zweck geöffnet wird.

Wer mehr über den Verein erfahren will, kann im Internet unter der Adresse www. gedenkstaette-kz-engerhafe. de nachschauen. Jederzeit werden zusätzliche Mitarbeiter gesucht, betont Müller. Ausschließlich auf ehrenamtlichen Füßen wird das Wirken der Mitglieder auf Dauer nicht stehen können, sagt er. Eines Tages soll ein hauptamtlicher Geschäftsführer installiert werden. Es ist ein ehrgeiziges Projekt, was da seit jenem 29. Oktober 2009, als der Verein aus der Taufe gehoben wurde, entschlossen vorangetrieben wird. Die Zeiten, in denen dieses etwas im Verborgenen blieb, dürften schon bald der Vergangenheit angehören.

 

(Foto: Poppen)
Am 27. März ist die Ausstellung des Vereins "Gedenkstätte KZ Engerhafe" nach dem Gottesdienst geöffnet. Vorsitzender Carl Osterwald, der künstlerische Leiter Herbert Müller und Pastor Dr. Detlef Dieckmann-von Bünau (von links) hoffen auf reges Interesse.

 

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Verein Gedenkstätte KZ-Engerhafe e.V. - Kirchwyk 5 - 26624 Engerhafe