VEREIN GEDENKSTÄTTE KZ ENGERHAFE E.V.

 

 
  
     Das historische Pfarrhaus

"Warum ich hier bin"

Liebe Besucher dieser Gedenkveranstaltung!

Zwei Gründe möchte ich Ihnen sagen, warum ich hier bin: Der erste Grund ist ein Erschrecken.

Die Würde des Menschen ist antastbar.

Jahrgang 1961 – Meine Geburt liegt nicht weit entfernt von all den erschreckenden Ereignissen, die es hier in Engerhafe und anderswo gab. Sechzehn, siebzehn, achtzehn Jahre – was sind sie schon… Ich empfinde diesen Abstand nicht als die Gnade der späten Geburt. Eher ist es ein Erschrecken und Scham: Vor kurzer Zeit war das hier möglich! Es war nicht nur möglich – es ist tatsächlich geschehen.

Die Würde des Menschen ist antastbar. Sie war es damals. Sie ist es heute.

Um wie viel größer muss das Erschrecken für den sein, der es selbst erlebt hat, oder für den, der Erinnerungen unmittelbar vor seinen inneren Augen hat: wie Menschen in Güterwaggons – in Viehwaggons! – gepfercht waren und in Aurich auf dem Bahnhof ankamen, wie da elende Gestalten durch die Stadt zogen, von ihren Aufsehern getrieben wurden, wie sie abends die Toten des Tages auf einem Karren hinter sich herziehen mussten, die Kälte, der Regen, Holzschuhe…, wie sich Bilder auch im nachhinein verdichten wie in den Arbeiten von Herbert Müller, Bilder, die bleiben, die man nicht los wird, auch bei vielen von Ihnen und in Ihnen.

Thomas Hobbes formuliert: "Homo homini lupus" – der Mensch dem Menschen ein Wolf. Er kann seinesgleichen unmenschlich begegnen. Das ist beängstigend, erschreckend. Ich glaube, dass es gut ist, dieses Erschrecken zu kennen. Es muss uns berühren, nahe kommen, unter die Haut gehen. Gedenken muss mehr sein als eine Gedächtnisleistung. Erschrecken verhindert Vergessen. Erschrecken darf nicht aufhören, in keiner Generation. Das Erschrecken muss uns schützen vor den Irrwegen menschlicher Macht und Möglichkeiten.

Wenn an den Außengrenzen Europas heute Abschottung das wesentliche Prinzip ist, Menschen im Mittelmeer ertrinken müssen, weil sie keinen Weg hineinfinden in menschenwürdige Lebensverhältnisse, muss es uns auch schaudern. Wenn wir heute Experimente zulassen an der menschlichen Konstitution und weder Risiken noch Nebenwirkungen einschätzen können, sollte das Erschrecken uns demütig und behutsam werden lassen. Wenn die fatalen Folgen heutiger technischer Möglichkeiten viele Generationen überdauern, muss das Erschrecken darüber uns dazu bringen, nicht alles zu tun, was dem kurzfristigen Wohlstand dient.

Wenn hier in Engerhafe, in Aurich oder anderswo hier in unserer Umgebung 188 mal Leben nach menschlichem Ermessen vor der Zeit endet, weil Menschen über menschliches Maß hinaus beansprucht werden, nicht ausreichend mit Nahrung, gesundheitlicher Pflege und Achtung ihrer Würde versorgt werden, muss es uns nachhaltig erschüttern. Und wieviele andere mögen über die 188 Verstorbenen hinaus hier gelitten haben…

Erschrecken verstört – und weckt neue Kräfte. Die Würde des Menschen ist antastbar. Sie war es damals. Sie ist es heute.

Mein zweiter Grund, warum ich hier bin, ist deshalb ein Gefühl bleibender Verantwortung. Mit meiner Geburt ist mir eine Würde geschenkt, die ich nicht aus mir selbst habe. Martin Luther sagt das in seinem Kleinen Katechismus so: "Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält, dazu noch viel mehr, was not tut für Leib und Leben… Und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit: Für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist gewisslich wahr."

Mein Leben ist eine Gabe. Eine einmalige Gabe meines Schöpfers. "Sehr gut", sprach der Schöpfer darüber. Nur wenig niedriger gemacht als Gott selbst bin ich, sagt mir der 8. Psalm, sein Ebenbild, von ihm mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt. All das ist mir gegeben. Jedem Menschen. Jedem. Und damit habe ich auch eine Auf-gabe. Im Begriff der Verantwortung kommt beides zusammen. Bin ich verantwortlich, steckt darin der Begriff der Antwort. Ist mir geschenkt, dass ich lebe, antworte ich auf diese Lebensgabe damit, dass ich auch allem anderen Leben mit Ehrfurcht begegne und mich für seine Lebenserhaltung einsetze.

Die Würde des Menschen ist eben nicht antastbar. Wer das tut, vergreift sich an Gottes "Sehr gut", an seinem Geschöpf. Der jüdische Philosoph Hans Jonas denkt in seinem wunderbaren Buch "Das Prinzip Verantwortung" darüber nach, ob wir ohne die Wiederherstellung der Kategorie des Heiligen überhaupt begründen können, was heutzutage angesichts aller ungeheuren Möglichkeiten zu tun beziehungsweise vor allem nicht zu tun geboten ist. Im Kontext jüdisch-christlicher Verantwortung bleibt mir, bleibt uns die Ehrfurcht vor allem Leben aufgetragen. Sie ist begründet in der Rede Gottes nach dem Exodus am Berg Sinai zu Mose und dem Volk Israel noch bevor er ihnen die 10 Gebote gibt: "Ihr sollt mein Eigentum und ein heiliges Volk sein." (2. Mose 19,5-6)

Wir sind heilig. Unser Leben ist heilig. Das Leben der 188, die hier ihr Leben verloren haben, ist auch heilig. Wenn wir ihrer gedenken, erinnern wir an ihre Würde und Heiligkeit, die hier angetastet wurde. Gleichzeitig tragen wir dazu bei, dass die Schwelle, solch schreckliche Taten zu wiederholen, hoch bleibt.

Wenn wir heute der 188 gedenken tun wir etwas, wie dieser alte jüdische Brauch: einen Stein auf das Grab zu legen. Meist liegen viele Steine auf jüdischen Gräbern. Ein Brauch zuerst aus der Nomadenzeit des Volkes Israel. Er sollte die Leichname, die in der Wüste zurückgelassen werden mussten, unversehrt halten und vor wilden Tieren schützen. Später kam ein anderes Moment hinzu: So fest wie dieser Stein, so fest ist und bleibt die Erinnerung an dich. Das Gedenken schützt vor dem Vergessen. Das Gedenken wahrt deine Würde und Heiligkeit.

Auch die Totenzettel aus Engerhafe sind deshalb ein Kulturschatz. Da hat jemand – bewusst oder unbewusst – etwas für das Gedenken getan. Den Namen erhalten, die Individualität inmitten entwürdigender Zustände. (Anonyme Bestattungen sind erst ein Merkmal der Spätmoderne.) 188 Namen. 188 einzigartige Menschen, Biographien, vor der Zeit geendet. Wir gedenken ihrer. Und: 188 Menschen, deren Namen im Himmel geschrieben sind. Gott sei Dank.




Ansprache von Superintendent Tido Janssen anlässlich der
188 – Gedenkveranstaltung in Engerhafe am 23.10.2011
Tido Janssen, Lambertshof 10, 26603 Aurich; Tido.Janssen@evlka.de

 

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