VEREIN GEDENKSTÄTTE KZ ENGERHAFE E.V.

 

 
  
     Engerhafe und Totenzettel  -  Aquarell und Collage  -  Herbert Müller

Begrüßung

Geehrte Anwesende, liebe Freunde,

zu unserer heutigen Gedenkveranstaltung möchte ich Sie herzlich begrüßen. Wir freuen uns über jeden, der heute Nachmittag den Weg hierher gefunden hat. Insbesondere begrüße ich das Klezmer Ensemble Andrea Pancur-Federmetsh, die uns mit ihrer Musik in die besondere Welt jiddischer Kultur hinneinnimmt, in der Lebensfreude und Verzweiflung zu einer eigentümlichen Einheit verschmelzen und die deshalb auch hier ihren Ort hat.

Den Gästen aus den Niederlanden ein besonderes Willkommen: es tut uns gut, dass Sie uns zu einer solchen Gedenkveranstaltung besuchen. And a special word of welcome to Hans Sörensen, who has come all the way from Denmark,to be here in memory of his father, murdered and buried here in Engerhafe. We are grateful for your visit and take it as a sighn of reconceliation. Thank you, Hans, I hope it will not be too boring, to listen to a talk in a language, you hardly understand.

Namentlich begrüßen möchte ich den Honorarkonsul der Niederlande a.D. Herrn Riepma aus Emden, den Oberbürgermeister der Stadt Emden, Herrn Bornemann, die Bürgermeister von Aurich und Südbrookmerland, Herrn Windhorst und Herrn Süßen, Herrn Bontjer, der als stellvertretender Landrat den Landkreis Aurich vertritt, Herrn Landschaftsrat Markus für die Ostfriesische Landschaft und Herr Superintendent Janssen vom Kirchenkreis Aurich.

Ich habe Sie einzeln benannt und hervorgehoben, weil Sie öffentliche Einrichtungen vertreten und durch Ihre Teilnahme deutlich machen, dass die Öffentlichkeit vor dem, was hier geschehen ist, nicht mehr wie damals 1944 die Augen verschließt und stumm beiseite steht, oder – schlimmer noch – das grauenvolle Treiben unterstützt hat. Wir haben heute eine andere Öffentlichkeit und es ist gut, wenn heute von dieser anderen breiten Öffentlichkeit dokumentiert wird: Wir wollen, dass erinnert wird. Dieses Grauen, das so unglaublich ist, darf nicht vergessen werden.

Als wir das Thema für die heutige Veranstaltung formulierten, konnten wir nicht ahnen, wie aktuell es sein würde: "Aus 13 Länder in Europa" Hier auf dem Engerhafer Friedhof sind Tote aus 13 europäischen Ländern begraben. - Wir werden nachher in der Kirche die Namen und die Länder nennen. - Qualvoll ermordet. Ich wiederhole: in aller Öffentlichkeit. Das war möglich in einer europäischen Kulturnation, und nicht irgendwo, sondern hier in Aurich und Engerhafe. Und nicht irgendwann, sondern zu meinen, und – das gilt für manchen hier Anwesenden – zu unseren Lebzeiten.

Vor einer Woche erhielt die Europäische Union den Friedensnobelpreis. Wir haben einen Schatz. Die Größe dieses Schatzes ist nur zu ermessen, wenn wir die Vergangenheit kennen und daran messen. Der luxemburgische Premierminister und Eurogruppenchef Jean Claude Junker hat einmal gesagt: "Wer an Europa zweifelt, sollte öfter Soldatenfriedhöfe besuchen". Ein geeintes Europa in einem jetzt fast 70jährigen Frieden, das ist nicht vom Himmel gefallen, sondern das ist eine Frucht aus fürchterlichen Gemetzeln und der Entschlossenheit der Überlebenden: mit aller Kraft dafür zu arbeiten, dass dies nie wieder geschieht! Frieden in Eintracht kann es nur geben, wenn und solange er wirklich gewollt wird.

Wir sind als Menschen mit einer Gabe ausgestattet, die diesen entschlossenen Friedenswillen wachhält: Uns allen ist ein Gedächtnis gegeben. Es ist lebensgefährlich, wenn man das Gedächtnis ausschaltet. Die Soziologen unterscheiden zwei Formen dieses Gedächtnisses: das kommunikative und das kulturelle Gedächtnis. Bei dem einen geht es um das, was wir in unseren Photoalben, in unserer lebendigen Erinnerung aufbewahren, das andere ist das, was Junker die "Soldatenfriedhöfe" nennt: die Gedenkstätten, Mahnmale, festen Veranstaltungen. Beides wirkt zusammen und soll verhindern, dass wir das Grauen vergessen, die Untaten, zu denen Menschen fähig sind, wenn nicht eine feste Rechtsordnung ihnen Zügel anlegt.

Unser Gedächtnis speichert Bilder und diese Bilder bilden die Grundlage unserer Bildung. Wir sind als Menschen auf die Zukunft ausgerichtet und entwerfen ständig Programme für die Zukunft: so soll es werden! Da wollen wir hin! Dabei lassen wir uns führen vom Fortschrittsdenken, von Ökonomie und Technik, lassen uns hinreißen, die Bilder unseres Gedächtnisses zuzuschütten: wir vergessen, was dahinten liegt und verlieren dabei die Orientierung. Wer nur nach vorn sieht, wird "rück-sichts-los".

Um sicher fahren zu können brauchen wir einen Rückspiegel. Wir sind den Zeitzeugen sehr dankbar dafür, dass auch sie die Öffentlichkeit nicht scheuen und uns heute Nachmittag helfen, in den Rückspiegel zu gucken.



Carl Osterwald

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Verein Gedenkstätte KZ-Engerhafe e.V. - Kirchwyk 5 - 26624 Engerhafe